Gin schmeckt nicht einfach nach Gin. London Dry, Plymouth, Old Tom, New Western — hinter jedem Stil steht eine andere Destillationslogik, eine andere Wachholder-Dosierung und eine andere Aromenphilosophie. Wer einmal verstanden hat, was diese Stile unterscheidet, wählt im Regal nicht mehr nach Etikett, sondern nach Geschmacksrichtung. Diese Übersicht ordnet die wichtigsten Sorten ein und zeigt, welche zu welchem Anlass passt.
London Dry — der Klassiker mit klaren Regeln
London Dry ist keine Herkunftsbezeichnung, sondern eine Herstellungsmethode. Alle Aromen müssen während der Destillation eingebracht werden, nachträgliches Zufügen von Zucker oder Aroma ist verboten. Maximal 0,1 Gramm Zucker pro Liter sind erlaubt. Diese Strenge garantiert Trockenheit und Klarheit im Geschmack.
Der Wacholder dominiert, ergänzt durch Koriander, Angelikawurzel und Zitrusschalen. Marken wie Tanqueray, Beefeater und Sipsmith definieren diesen Stil seit Generationen. Wer einen Gin Tonic mit präzisem Wacholderprofil sucht, greift hier richtig.
Für Cocktails wie Martini, Negroni oder Gimlet ist London Dry die erste Wahl, weil die klare Struktur sich nicht im Mix verliert. Im Einsteigerbereich zwischen 25 und 35 Euro findest du seriöse Vertreter, Premium-Versionen reichen bis 60 Euro.
Plymouth Gin — geschützte Herkunft mit weicherer Note
Plymouth ist die einzige Stadt in England mit geschützter Gin-Herkunftsbezeichnung. Nur Plymouth Gin Distillery darf diesen Namen tragen. Der Stil liegt zwischen London Dry und süßeren Varianten — etwas weniger trocken, dafür mehr Erdigkeit durch zusätzliche Wurzeln in der Botanical-Mischung.
Das Markenzeichen ist eine sanftere Wacholdernote mit deutlicher Süßholz- und Kardamompräsenz. Im Glas fühlt sich Plymouth runder an als ein typischer London Dry, was ihn auch pur trinkbar macht. Die Navy Strength Version mit 57 Prozent Alkoholgehalt ist eine Empfehlung für puristische Cocktails.
Im Preisbereich um 30 bis 40 Euro liegt Plymouth solide im Mittelfeld. Wer von London Dry kommt und etwas Weicheres sucht, ohne in die Süße abzudriften, landet hier.
Old Tom — der süßliche Vorfahre des Gin Tonic
Old Tom war im 18. und 19. Jahrhundert der dominante Stil in London. Im Vergleich zum heutigen London Dry ist Old Tom merklich süßer — leicht gezuckert oder mit süßlichen Botanicals wie Lakritz und Süßholz angereichert. Nach Jahrzehnten der Marginalisierung erlebt der Stil seit etwa zehn Jahren ein Comeback.
Klassische Cocktails wie Tom Collins oder Martinez verlangen genau diesen Stil. Mit einem trockenen London Dry schmecken diese Drinks anders als ursprünglich vorgesehen. Hayman's, Ransom und Jensen's bieten authentische Old-Tom-Interpretationen.
Old Tom funktioniert auch pur auf Eis als After-Dinner-Drink, weil die Süße das Trinken erleichtert. Rechne mit 25 bis 35 Euro für eine gute Flasche. Wer in die Geschichte der Spirituose eintauchen will, kommt um diesen Stil nicht herum.
New Western — Botanicals im Rampenlicht
New Western Gin, auch Contemporary Style genannt, dreht die klassische Hierarchie um. Wacholder ist noch da, aber er begleitet — andere Botanicals stehen im Vordergrund. Hendrick's mit Gurke und Rosenblättern hat diesen Stil 1999 maßgeblich geprägt, Monkey 47 aus dem Schwarzwald folgte mit 47 Botanicals.
Diese Sorte spricht Menschen an, denen klassischer Gin zu medizinal oder kantig schmeckt. Die Aromen reichen von floral (Lavendel, Rose) über fruchtig (Erdbeere, Holunder) bis hin zu kräuterbetont (Salbei, Thymian). Die Identität jeder Marke ist hier viel ausgeprägter als bei London Dry.
| Stil | Wacholderintensität | Süße | Preis-Range |
|---|---|---|---|
| London Dry | Sehr hoch | Trocken | 25–60 € |
| Plymouth | Hoch | Leicht würzig | 30–40 € |
| Old Tom | Mittel | Deutlich süß | 25–35 € |
| New Western | Niedrig | Variabel | 35–70 € |
| Genever | Sehr niedrig | Malzig | 25–45 € |
Genever — der niederländische Urgroßvater
Genever ist nicht einfach eine Gin-Sorte, sondern die Spirituose, aus der Gin überhaupt entstanden ist. Der niederländische Vorfahre wird auf Malzbasis gebrannt, was ihm einen brotigen, fast whiskyartigen Charakter verleiht. Wacholder spielt nur eine Nebenrolle.
Es gibt zwei Hauptvarianten: Jonge Genever ist leichter und neutraler, Oude Genever malzig-würziger und oft fassgereift. Beide eignen sich nicht für klassische Gin-Cocktails, sondern wollen pur oder in speziellen Mixturen wie dem Holland House getrunken werden.
Bols, Boomsma und Rutte sind etablierte niederländische Häuser. Im deutschen Markt findest du Genever zwischen 25 und 45 Euro. Wer Whisky mag und Gin neu entdecken will, sollte hier ansetzen.
Sloe Gin und Flavored Gin — Likör oder noch Gin?
Sloe Gin entsteht durch Mazeration von Schlehen in Gin mit Zucker. Streng genommen ist es ein Likör mit 25 bis 30 Prozent Alkohol, oft als Gin-Liqueur deklariert. Britische Tradition kocht ihn am Heiligabend pur als Aperitif.
Flavored Gin geht einen Schritt weiter — hier werden Geschmacksrichtungen wie Rhabarber, Erdbeere oder Earl Grey zugesetzt. Diese Produkte sind unterhaltsam, aber kein Ersatz für klassische Spirituosen. In Cocktails verfälschen sie die Balance.
So findest du deinen Stil — eine Einstiegsstrategie
- Start mit London Dry. Ein Tanqueray oder Sipsmith gibt dir die Referenz, an der du alles andere misst.
- Zweite Flasche New Western. Hendrick's oder Monkey 47 zeigen dir, wie weit das Aromaspektrum reichen kann.
- Plymouth als Brücke. Wenn dir London Dry zu trocken und New Western zu wild ist, liegt hier dein Sweet Spot.
- Old Tom für Cocktails. Wer Klassiker korrekt zubereiten will, kommt hier nicht vorbei.
- Genever zum Schluss. Eine eigene Welt — bewusst zuletzt, weil er sich von allem anderen unterscheidet.
Mit fünf gut ausgewählten Flaschen deckst du das gesamte Spektrum ab, ohne in eine Sammlung abzugleiten. Die Investition liegt bei etwa 150 bis 200 Euro und hält in einem ordentlich genutzten Hausstand zwei bis drei Jahre.
Aufbewahrung und Haltbarkeit
Gin ist mit 37,5 bis 47 Prozent Alkohol nicht anfällig für Verderb, verliert aber nach dem Öffnen über Monate Aromaintensität. Dunkel und kühl gelagert behält eine angebrochene Flasche etwa zwölf Monate ihre volle Qualität.
Direkte Sonneneinstrahlung bleicht die Botanical-Noten aus, besonders bei New Western Gins mit floralen Komponenten. Eine Schrankunterbringung ist der Bar mit Fensterblick vorzuziehen.
Premium-Gins über 50 Euro sollten nicht jahrelang stehen — sie sind zum Trinken konzipiert, nicht zum Sammeln. Wer eine geöffnete Flasche länger als ein Jahr stehen lässt, verliert genau das, wofür er den Premium-Preis gezahlt hat.